Dank meinem Promojob bei dem lokalen Sender CLASSIC ROCK RADIO bin ich immer wieder auf guten und lauten Konzerten! Was ich dort aber nicht immer so cool finde, sind manche stark angetrunkene Kerle oder die, die so zugedröhnt sind, dass sie beim Pogen nicht mehr sehen wo oben und wo unten ist. Auch wenn diese rüpelhaften Konzertbesucher natürlich nicht die Mehrheit bilden, haben andere „dank“ ihnen ein negatives Bild von Punk oder Hardcore Hörern. Hier alle über einen Kamm zu scheren und zu behaupten, dass es ungehobelte Menschen sind ist natürlich ein Unding. Denn, dass genau die von Kopf bis Fuß Tätowierten, vor denen man vielleicht auf der Straße sogar Schiss hat, oft die freundlichsten und hilfsbereiteren Mitmenschen sind habe ich schon unzählige Male am eigenen Leib erlebt!

Jetzt stellt euch mal vor, dass es unter Ihnen eine Gruppierung gibt, die auf Alkohol, Drogen und teilweise sogar auf Sex verzichten! Glaubt ihr mir nicht? Dann habt Ihr wohl noch nie von Straight Edge gehört!?

Zugegeben, bis vor ein paar Wochen wusste ich auch nicht, dass es in dieser Szene überhaupt so viele gibt, die derart trocken und züchtig durchs Leben gehen. Dass es da Menschen gibt, die keinen Alkohol trinken wollen um nicht zu eskalieren hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet… Die keine Drogen nehmen, um zu 100% klar zu sein, wenn sie Songtexte mitgröhlen… Die keinen Sex haben, weil sie den Promiskuitiven Lebensstil der Szene nicht gutheißen.

Weil mich diese Bewegung interessiert habe ich ein bisschen recherchiert. Unter Straight Edge Mitgliedern kann es, wenn es um Meinungsverschiedenheiten wegen der Regeln geht, ziemlich heiß hergehen. Einige von ihnen sind offenbar ziemlich streng in ihrer Lebensweise und wollen ihre Meinung den Kollegen oder am liebsten allen aufzwingen. Wenn es zB um die Enthaltsamkeit geht, sind sie sich nicht einig. Für die meisten ist es aber durchaus vertretbar mit dem eigenen Partner Sex zu haben, und wenn man verheiratet ist auf jeden Fall. Sieht aber eben nicht jeder so.

Woher kommt denn überhaupt dieser Trend? Wie so vieles, was wir in Deutschland nicht kennen und ein paar dann doch adaptieren, kommt auch diese Idee aus den USA. Dort ging es mit diesem Jugendtrend schon in den 80ern los und den Namen dafür gab anscheinend Ian Mac Kaye von Minor Threat. Eine Strophe in einem ihrer Songs geht nämlich so:

 

“(I) Don’t smoke
Don’t drink
Don’t fuck”
„(Ich) rauche nicht
Trinke nicht
Ficke nicht“

Weil mir aber die Informationen nicht reichen, die jedermann im Netz suchen kann, habe ich stellvertretend zwei Edger interviewed.
Steffen ist 26 und kommt aus Thüringen. Er kam eher unterbewusst durch seinen großen Bruder, der bis heute nicht raucht, kein Koffein und keinen Alkohol zu sich nimmt dazu. Mit zunehmendem Alter beschäftigte er sich ganz bewusst mit den Folgen des Konsums von (legalen) Drogen, was ihn in seiner Einstellung noch bestärkte. Heute sind es bereits 11 Jahre die er aus voller Überzeugung Straight Edge lebt.

 

Sara*, möchte nicht weiter vorgestellt werden. Sie bezeichnet sich selbst seit ca. 2 Jahren als straight edge. Wie ein Edger leben- das mache sie aber  schon seit sie 15 ist. „Ich kam eher dazu mich für die „Szene“ zu interessieren, als mich jemand darauf ansprach, ob ich „Edge“ lebe. Zu beginn fand ich es blödsinnig mich, nur weil ich keinen Alkohol o.Ä konsumiere, in eine Gruppe zu gruppieren. Irgendwann gefiel mir der Gedanke, einer Gruppe anzugehören, die die selben Ansichten hat wie ich. Wobei ich im Nachhinein dazu sagen muss, dass es was das „Edge sein“ angeht, millionen verschiedene Ansichten und Auslegungen gibt. Sowohl für Edger, als auch für nicht-Edger. Ich hatte noch nie Interesse daran, Alkohol zu trinken. Als ich jung war, hab ich natürlich mein Bierchen mit den Freunden getrunken, um es zu Testen. Natürlich wurde auch mal gekifft. Es stellte sich jedoch heraus, dass der nüchterne Zustand für mich viel wertvoller und angenehmer ist, als sich in irgend einer Weise zu benebeln.“

Ich wollte wissen, ob die beiden auch wirklich nie einen Tropfen Alkohol trinkt… mal ein Schlückchen Bier oder Wein? „Nein“ sagt Steffen“ich trinke seit 11 Jahren keinen Tropfen Alkohol. Ich meide auch Alkohol in Lebensmitteln und sogenannte „alkoholfreie“ Weine und Biere!“ Abgesehen davon, bemerkte Sara* mit dem Älter werden, dass – egal in welcher Altersgruppe – der Alkohol die größte Rolle spielt, was den Spaß betrifft. Das findet sie einfach nur traurig – und da stehe ich voll auf ihrer Seite!

Das Thema Sex muss auch von einem „Internen“ erläutert  werden. Auf die Frage, ob Steffen die NO SEX Regel ganz streng sieht oder eher nicht, sagte er, dass er seine wilden Zeiten hinter sich hat. Er lasse sich mittlerweile von der Liebe finden (sehr romantisch!), lebe also nicht sexuell freizügig. Allerdings nicht, weil die Straigh- Edge- Regel das so besagt. Aha! Sara sagt, dass es hier nicht um ein strenges Regelwerk gehen soll. Es gehe vor allem um das respektieren des anderen und andere nicht aus zu nutzen.

Mich interessiert auch, wie Freunde und Verwandte damit umgehen. Steffen’s Lebensstil (genau genommen nicht nur Straight Edge, sondern auch vegan) wird manchmal belächelt, aber er wird von seinen Freunden grundsätzlich akzeptiert und auch respektiert. Seine Familie hat sich daran gewöhnt, das ist kein Thema mehr. Da sein Bruder ebenfalls Straight Edge lebt, ist er ja auch nicht der einzige in der Familie, der den drogenfreien Lebensstil vertritt. Und ganz erlich? Würden Eure Eltern nicht auch manchmal ein bisschen ruhiger schlafen, wenn sie wüssten, dass ihr auf Festivals oder Konzerten nie Drogen und Alkohol konsumiert? 😉

Da manche berichten, dass es unter Edgern schon mal zu starken Meinungsverschiedenheiten kommen kann, war meine letzte Frage, was seiner Meinung nach ein NO GO ist, wenn man in dieser Gruppe dazugehören will. Seine Antwort : „Ich finde, die Regel bezüglich der sexuellen Freizügigkeit sollte jeder für sich interpretieren, schließlich ist Sex, solange es zu keiner Suchterkrankung kommt, nicht gesundheitsschädlich im Gegensatz zu Suchtmitteln und dessen Ablehnung hat für mich auch nichts mit dem Ursprungsgedanken der Straight- Edge- Bewegung zu tun . Alle anderen Drogen sind selbstverständlich tabu. Dabei spreche ich von Alkohol, Nikotin, Koffein und natürlich alle illegalen Drogen.“

Sara* sagt noch, dass kein Zwang dahinter steckt. Man tut es nicht um sich zu quälen, nur weil man sich dann „besser fühlt“ als die Anderen. Zumindest ist es ihrer Meinung nach so. „Sollte jemand es doch aus dem Grund tun, ist es auf eine gewisse Weise unauthentisch.“

Auf diesem Wege noch mal DANKE an Steffen und Sara*!

Ich hoffe Euch hat der Beitrag gefallen. Es ist mal ein etwas anderes Thema und ich möchte damit ein bisschen auf Leben und Leben lassen appellieren. Hinterlasst mir doch einen Kommentar und folgt meinem Blog, wenn Euch Themen abseits des Mainstream aus den Augen eines Lyfestyle Blogger interessieren.

Xx, Vanessa

*der Name wurde geändert

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